Von Menschen auf Dächern II

Gelb sollte das Thema des Geburtstages sein auf den Frances mich eingeladen hatte. Gelb und Sonnenkult, was bedeutete ich musste irgendwo gelbe Kleidung auftreiben, da ich in meiner begrenzten Garderobe nur einen orangefarbenen Rock auffinden konnte. Gelbe Accessoires hatte ich zwar, aber das war nicht genug und wer nicht in Gelb kam, durfte nicht kommen. Sehr strenge Regeln für eine sonnenanbetende, linksliberal- vegane Künstler- WG, aber Diktatoren gab es ja bekanntlich in jeder politischen und religiösen Ecke. Und es sollte schließlich der Geburtstag der Guru zelebriert werden, daher wollte ich es mir mit der gelbsüchtigen Anführerin Oza nicht gleich verscherzen.

Ich hatte schon fast aufgegeben und wollte wegen Nichterfüllung des Dresscodes absagen, da fiel mir mein Lieblingskleid ein. Ein vanillefarbenes Tüllkleid. Es ist zwar nicht leuchtendgelb, aber immerhin blassgelb. Und definitiv nicht weiß oder schwarz, die als Hauptfarben ausgeschlossen wurden und das Tragen dieser mit Exkommunikation bestraft werden sollte. Also stellte ich schnell einen Antrag auf Genehmigung des Farbtons bei der zuständigen Behörde. Das war hier Frances. Als Mitorganisatorin der Veranstaltung, war sie hier Vizepräsidentin und durfte nach eigenem Ermessen Gäste einladen und Outfits zulassen. Ein Foto des Kleides inklusive Accessoires per WhatsApp war ausreichend um den formalen Anforderungen zu genügen. 5 Minuten später kam schon die Genehmigung. Wunderbar. Dann konnte ich ja anfangen mich vorzubereiten. Glücklicherweise hatte ich noch goldene Happy Birthday Luftballons von meinem Geburtstag, sodass ich direkt ein kleines Mitbringsel parat hatte, was sich auf der Location, einer Dachterrasse, sicherlich wunderbar machen würde.

Auf dem Weg zu Ozas Wohnung ging ich, bald zum letzten Mal, durch die verwinkelten Straßen von El Born. Ich hatte mich schon so oft hier verlaufen und dabei immer wieder eine neue Lieblingsecke gefunden. Orte die mich zum Fotografieren oder Schreiben inspirierten. Die mir Schmetterlinge im Bauch freisetzten. Und auch dieses Mal fühlte ich mich so. Dies aber gemischt mit wachsender Unruhe. Ich war noch nicht bereit diese wunderschöne Stadt zu verlassen… Ich hatte noch nicht alles gesehen, noch nicht alles probiert noch nicht alles erlebt. Ein bittersüßes Gefühl, denn es war die schönste Zeit meines Lebens. Hier war ich frei und losgelöst. Etwas das ich so nicht kannte, mich aber immer danach gesehnt hatte. Keine Verpflichtungen nur Erlebnisse und neue Erfahrungen. Vor ihrer Tür lief mir fast eine Träne übers Gesicht, aber ich konnte sie gerade noch zurückhalten. Ich durfte nicht wieder einen dieser melancholischen Moment haben, davon hatte ich bereits zwei in der letzten Woche. Einen gerade gestern. Den anderen genau vor einer Woche. Es waren Abschiede gewesen. Abschiede von möglichen Beziehungen, möglichen Liebschaften. Das Abfinden damit, dass eine Situation niemals sein würde, mag sie auch noch so schön oder leidenschaftlich gewesen sein. Mit Barcelona fühlt es sich ähnlich an. Eine Liebe die leben durfte, aber deren Zeit abgelaufen war. Die Tür ging auf und ich stieg alle fünf Stockwerke hinauf. Das Treppenhaus war schmal und die Treppen steil. Genug Anstrengung um meine Gedanken darauf zu konzentrieren nicht schwitzen zu wollen. Diese Treppen waren schlimmer als die bei mir. Im dritten Stock fing ich langsam an schwer zu Atmen. Das war der Nachteil von Altbauten. Kein Aufzug… Im vierten Stock musste ich meine Jacke ausziehen, es wurde einfach zu heiß. Im fünften Stock angekommen stellte ich fest, dass ich noch eine weitere Treppe hinauf musste. Es ging aufs Dach. Dort gab es zwei offene Türen. Eine nach links und eine nach rechts und hinter beiden waren Terrassen, aber nur aus einer Richtung kam Musik und Frances Stimme, die mich zu sich rief und mir in einem Currygelben Jumpsuit entgegen kam. Am oberen Treppenansatz schaute ich kurz nach rechts und erhaschte einen Blick auf die andere Terrasse, sie wirkte etwas chaotisch mit viel Krimskrams und vielen Blumentöpfen. Aber ich beachtete sie nicht weiter und ging mit Frances durch die linke Tür. Der Ausblick, der sich bot war, atemberaubend. Die Sonne stand schon tief am Himmel und tauchte die Stadt bereits in ein warmes Licht, bald würde sie untergehen. Der goldene Lamettavorhang um den kleinen Pavillon und die goldenen Luftballons glitzerten in den Sonnenstrahlen. Die Catedral, Tibidabo und die Sagrada Familia, nur noch ihre dunklen Silhouetten waren zu sehen, so weit konnte man über die Dächer der Stadt blicken. Die gänzlich in Gelb gekleideten Gäste und die Indiemusik taten ihr übriges, um der Atmosphäre den letzten Schliff zu geben. Es war wirklich magisch.

Frances und Oza hatten eine Leinwand aufgestellt auf der sie mit Fingerfarben Selbstportraits gemalt hatten, jeder Gast sollte sich darauf verewigen. Als ich meine Finger in die Farbtöpfe tauchte und darüber nachdachte was ich malen könnte, fragte eine männliche Stimme hinter mir: „What are you going to paint? I have no idea.“ „Me neither, i’ll just improvise.“ Dann kam Frances dazu und lies uns an ihrer Kreativität teilhaben. Und Voila! Eine Art abstraktes Flederwesen entstand auf der Leinwand. Gar nicht mal schlecht. Zufrieden mit meinem Werk lies ich die Stimme an der Leinwand zurück und machte mich mit Frances auf zur gelben Bar, um aus gelben Bechern weißen Wein zu trinken. Das wiederholte sich dann im Laufe der nächsten Stunden, wir feierten unsere besondere Begegnung, unsere kurze aber intensive Freundschaft. Sie hatte mir diese Stadt noch viel näher gebracht und nicht nur die Stadt, wir hatten einander auch viel über uns selbst beigebracht. Nach jedem Anstoßen und jeder erneuten Wiedergabe unserer Geschichte stiegen die Glückshormone und meine Melancholie wechselte in Ansätze von Euphorie. Ich war wirklich glücklich. Nicht jeder konnte das von sich behaupten. Mit diesen Gedanken im Kopf und berauscht vom Alkohol und meiner Glücksseligkeit machte ich mich auf die Suche nach der Toilette. Dabei kam ich wieder an der anderen Tür vorbei. Inzwischen lag sie im Dunkeln. Auf dem Rückweg schaute ich noch einmal in ihre Richtung. Jemand hatte die Tür geschlossen. Vielleicht war es auch nur der Wind. Ich ging zurück zur Party.

Das Sonnenlicht war inzwischen am Horizont verschwunden und uns blieb nur noch kaltes Mondlicht, wir hielten uns mit anregenden Gesprächen und erhöhtem Alkoholkonsum warm. Ich hatte gerade eine hitzige Debatte über die Wichtigkeit von gegenseitiger Unterstützung in allen Formen von Beziehungen mit meinen englischen Freunden gestartet, als sie die Stimme einklinkte und nachdem er mir mehrfach zugestimmt hatte, entschuldigte er sich, denn es sei ihm zu kalt und er würde nun auf das Risiko hin nicht mehr auf diese Seite der Terrasse gelassen zu werden einen blauen Pullover von unten holen. Es stellte sich heraus, dass er der Nachbar war und die andere Terrassentür zu seiner Wohnung gehörte. Als er zurückkam erzählte er mir, dass er eigentlich aus Neuseeland kam und zwischenzeitlich in Südafrika und London gelebt hatte und jetzt seit drei Jahren in Barcelona Fuß gefasst hatte. Es gefiel ihm hier, das Feeling der Stadt sei einfach sehr besonders. Er habe das Gefühl hier alles zu haben was ihn glücklich mache. Hörte sich nach einem erfüllten und angekommenen Menschen an. Bewundernswert. Er war außerdem Yoga und Massagelehrer und gab überall auf der Welt Kurse, sodass er viel reiste und sich gleichzeitig so finanzierte. Das erklärte sein ausgeglichenes Auftreten und seinen erstaunlich guten Körper. Ich wollte mehr über ihn wissen. Von ihm ging eine Ruhe und Zentriertheit aus, die ich selbst an mir vermisste. Vielleicht konnte er mir helfen zur Ruhe zu kommen. Meine Rastlosigkeit zu überwinden. Aber er gab mir nicht viele Antworten. Viel mehr fragte er mich über mich aus und immer wieder schaute er mich verwundert an, so als hätte er mich ganz anders eingeschätzt. Als ich ihm sagte, dass ich noch nicht genau wüsste, wohin es für mich ginge, kniff er seine braunen Augen ganz kurz zusammen und sagte: „Turn around for a second.“ Ich wusste zwar nicht was er damit bezweckte, aber ich tat was er verlangte. Seine Hände fuhren über meinen Nacken und er drückte beherzt in meine Schultern. Ahh! Das war ganz schön fest! „You´re very tense. And listening to you I think we need to do some talking in quiet. Would you like to relax in the hammock on my terrace for a while?” Hmmmm, normalerweise hätte ich jetzt ein komisches Bauchgefühl haben müssen. Aber es trat das Gegenteil ein. Es fühlte sich richtig an. So als hätte sich der ganze Abend drauf ausgerichtet durch diese andere Tür zu gehen.

Wir gingen rüber und vor mir lag diese lange, dunkle, verwinkelte Terrasse. Wie ein verkehrtes Spiegelbild der Terrasse, von der ich gerade kam. Es war sofort viel kälter als auf der anderen Seite. Aber es war dennoch ein wunderschöner Anblick so über den Dächern Barcelonas unter sternenklarem Himmel. Wir legten uns in die Hängematte und er begann meine Füße zu massieren. Erst mal ein unerwartetes und seltsames Gefühl. Er machte das so selbstverständlich. Er schmunzelte.

„Your feet are so tiny…Now tell me, what is it that gives you that sad look in your beautiful big eyes, even though according to you, you´re just having the time of your life?” Er zögerte nicht lange mit seinen Fragen, und eigentlich hätte ich mich einem Fremden gegenüber nie so geöffnet. Mich nicht so bloß gestellt, vor jemandem den ich seit 5 Minuten kannte, aber er faszinierte mich und ich fühlte mich sicher bei ihm. Und dann erzählte ich ihm alles. Die ungeschönte Wahrheit über alles was mich beschäftigte, was in mir vorging. Und er hörte mir zu, schwieg dabei und ließ mich einfach reden.

„It felt so weird. Because I knew that I was lying the very second that I said the words out loud. I believed until that point that it was the truth and I was holding onto that conviction, but when I said it, I realized it had been an illusion the whole time, just something that I had made up in my mind to not feel alone. I believed and hoped for a special connection that wasn’t there and that had never really been there. At least not a healthy one. And when we said goodbye I knew instantly that it was over and that hit me so very hard. I couldn’t really understand, what I was feeling. If it was sadness and grief or just serious relief. The relief of finally being free from the toxin in my veins.”

„Wow, that sounds intense. But from what I´m getting, you weren´t lying when you said that you loved him. You did. And probably even really intensely and passionate, but in that moment you were just loved out. You had already invested all the love for him that you could offer and there was nothing left to give. That’s why you felt so empty.”

Faszinierend. Ein völlig fremder Mann konnte scheinbar besser in mein Inneres sehen und mir meine Gefühle besser erklären als ich selbst. Vielleicht lag das an seiner spirituellen Ausbildung, vielleicht kannte er dieses Gefühl aber auch selbst. Was auch immer es war, es schuf eine Verbindung zu mir und machte mich glücklich. Ich fühlte mich als säße ich an einer Quelle positiver Energie und ich musste nur weiter davon trinken und würde meine all diese Energie in mir aufnehmen können meine leeren Akkus wieder voll aufladen.

Während ich weiter von meinem gebrochenen Herzen erzählte wurde es langsam kühler und er hielt mich fest in seinen Armen, damit ich nicht fror. So lag ich also mit offenem Herzen und leicht angeheitert, in den Armen eines wunderschönen, neuseeländischen Yogalehrers unter den Sternen Barcelonas in einer Hängematte. Kann es noch mehr Filmromantik in dieser Szene geben? Und als ob er meine Gedanken lesen könnte, schaute er mir frech in die Augen und küsste mich…

Am nächsten Morgen wachte ich auf und wusste, dass mir diese Nacht noch lange in Erinnerung bleiben würde. Dieser Mensch hatte mein Herz berührt und mir geholfen mich selbst besser zu verstehen. Trotzdem wusste ich, dass ich ihn vermutlich niemals wiedersehen würde. Und das war gut so. Manche Menschen kommen nur für einen bestimmten Moment in unser Leben und zeigen uns den richtigen Weg und dann sind sie auch schon wieder weg. Nur ihre Spuren bleiben zurück. Die Positiven wie die Negativen.

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One Comment

  1. Svenya

    Bam!!!Del corazón. Creo que muchas personas saben a que te refieres.La libertad emocional es muy difícil de conseguir en una sociedad que amarra.Muy bien escrito.Me encanta sniff sniff.Sigue tu camino

    Gefällt 1 Person

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