Zwischen Arbeit und Dating Apps und wenn man Amerikanerinnen beim Lästern zu hört.

Ich sitze in einem Café in El Raval und warte auf mein Essen. Am Tisch neben mir sitzen zwei blonde Amerikanerinnen. Woher ich das weiß? „I mean like definitley like that was really New York from me. I would be like bitch this is not what I like meant.” Es ist als würde man bei einer Folge der Kardashians mitmachen. Ich bin zwar nur ein Statist, aber die beiden sprechen so laut, dass ich das Gefühl habe auch an ihrem Gespräch teilzunehmen. Ich kenne ihre Freundin Meghan nicht aber I mean she has like no personality and she is like super superficial and only cares about herself. Meghan is definitely a bitch! Ich muss wirklich aufpassen nicht laut zu lachen, während ich die beiden belausche. Eines der Mädchen musterte mich schon die ganze Zeit etwas abschätzig. Vermutlich fühlte sie sich beobachtet, aber es schien sie nicht weiter zu stören. Wenn man so laut redet muss man aber einfach auch mal in Kauf nehmen, dass die Nachbarn mithören. Wenig später tauschen sie sich über ihre schlechten Spanischkenntnisse aus und wie gerne sie doch mehr lernen würden aber kaum Gelegenheit dazu hätten, und bestellen im nächsten Moment die Rechnung auf Englisch. Tja manchmal erkennt man Möglichkeiten einfach nicht. Passiert jedem Mal.

Nachdem sie weg waren genoss ich die Jazzmusik im Restaurant, die plötzlich zu hören war. Die ruhigen Gespräche um mich herum waren dabei eher ein monotones Surren und passten teilweise sogar in den Rhythmus der Musik. Ich hatte es gerade wirklich gut hier im Caravelle. Der Burger hatte wunderbar geschmeckt und ich war bereit für den Nachtisch. Aber ich denke ich warte noch ein bisschen damit. Dann blinkt eine Nachricht auf dem Handy auf. Alex. Schon wieder. Nö, keine Lust. Du stehst schon auf der Ghosting-Liste, mein Freund. Sooorryyy…. Eigentlich mache ich das nicht, aber Alex hatte den großen Fehler gemacht mir etwas zu ausführlich von seinen neuerlich hartnäckigen Magen- Darm- Problemen zu berichten. Ich versuchte mich nach Erhalt dieser Information zu erinnern, ob ich mir auch immer ordentlich die Hände gewaschen hatte und wo ich auf die Schnelle einen Grappa herbekommen könnte. Vielleicht hatten meine Mitbewohner irgendwo Tequila gebunkert den ich vorsichtshalber zur Abtötung potenzieller Bakterien in meinem Organismus einnehmen könnte, aber ich verwarf den Gedanken wieder. Er hatte weder aus meinem Glas getrunken noch hätte es sonst zu Austausch von Körperflüssigkeiten kommen können. Gott sei Dank!

Dabei wirkte er so nett. Sicherlich war er das immer noch, aber eben auch komisch. Wir hatten uns, wie könnte es heutzutage auch anders sein, in einer DatingApp gematched. Wir waren in eine Bar in Eixample gegangen, die auf Gin spezialisiert war. Der Trend war also auch hier in Barcelona allgegenwärtig. Alex war 32, Spanier und Immobilienmakler. Nicht besonders groß, aber gutaussehend und da ich selbst klein war störte mich das nicht. Hauptsache er war größer als ich. Wir hatten einen wirklich schönen Abend zusammen, lachten viel und es gab quasi keine Redepausen, aber irgendetwas an ihm störte mich. Ich konnte aber beim besten Willen nicht sagen was. Ich kam einfach überhaupt nicht in Flirtstimmung und verhielt mich ihm gegenüber eher freundschaftlich auf Abstand. Seine Ausstrahlung war einfach nicht sexy! Es gab gar keine Anziehungskraft! Schade eigentlich. Am Ende wollte er mir natürlich noch seine Wohnung zeigen und dort mit mir ein letztes Glas Wein für heute Abend trinken. Nein, danke. Echt nicht. Er war sichtlich enttäuscht, fragte aber ob wir uns wiedersehen würden. Naja er konnte mir ja trotzdem ein bisschen die Stadt zeigen, schließlich war er ja nett und gutaussehend und witzig. Also sagte ich, gerne und ich würde mich melden.

Da er mir die Tage nach dem Date aber täglich Nachrichten schickte, auf die ich nur sporadisch antwortete, und ständig wissen wollte was ich tat, war ich letztlich eher genervt. Und nachdem ich die Magen-Darm- Botschaft nur vier Tage nach unserem Kennenlernen erhielt, war das einfach zu viel. Wer macht das??? Man lernt sich doch gerade erst kennen! Da kann man doch nicht permanent Nachrichten verschicken und schon gar nicht über Fäkalthemen! Ich konnte zwar nicht sagen, ab welchem Punkt in einer Beziehung es in Ordnung war über sowas zu sprechen, aber nach dem ersten Date war definitiv der falsche Zeitpunkt. Eine White Lie wäre hier absolut angebracht gewesen. Oder eben einfach mal gar nichts sagen.

Nach dieser DatingApp Erfahrung hatte ich auch wieder keine Lust darauf. Natürlich lernte man hin und wieder mal nette Leute kennen. Aber eben nur hin und wieder. Meistens sind es sowieso nur flüchtige Bekanntschaften. Das Swipen und gelegentliche Real-Life- Daten war mehr eine Art Nebenbeschäftigung für langweilige graue Tage oder für manche als Begleitung beim Toilettengang. Nichts Besonderes eben. Diese Mysteriösen Tinder- Pärchen von denen eine Freundin von einer Freundin immer erzählt sind dabei doch eher die Einhörner der Datingwelt. Das Gro sind oberflächliche Beziehungen in der mindestens einer einfach nichts Besseres zu tun hatte.

Letztes Wochenende war ich das. Nachdem ich am Freitag schon verplant war hatte ich am Samstagabend noch nichts vor, da Alicia nicht in der Stadt war und ich aber nicht in meinem Zimmer sitzen wollte swipete ich eben etwas hin und her. Ich hatte halt nichts Besseres zu tun.

Am Freitagabend war ich noch mit Alicia und einigen ihrer Freunde im Theater gewesen. Ein großartiges Stück über einen Mann der übersinnliche Kräfte erlangt. Ich hatte selten bei einem Theaterstück so viel zu lachen! Es war wirklich gut. Danach waren wir gemeinsam in einer der ältesten Bars in Barcelona. Dort gab es ausschließlich Absinth. Ja, Van- Gogh- schneidet- sich- ein- Ohr- ab- Absinth. Nur dass dieser wohl keine Halluzinationen auslöst und außerdem gelb ist. Ansonsten schmeckt er nach Wick- Medi- Night und nach dem halben Gläschen fühlt man sich auch als hätte man Wick- Medi- Night getrunken. Etwas benebelt. Glücklicherweise war die Bar nicht weit von meinem Zimmer und ich konnte am nächsten Tag gemütlich ausschlafen.

Ausschlafen war dabei worauf ich mich am meisten freute. Die letzte Woche steckte mir noch in den Knochen. Frühaufstehen war noch nie mein Fall gewesen, und es war jeden Morgen eine Qual, wenn der Wecker klingelte. Ganz gleich was diese Motivationsgurus sagten. Ich freute mich auf meine Arbeit. Es machte mir Spaß und ich war jeden Tag motiviert. Aber das frühe Aufstehen lag mir einfach nicht. Ich wollte es nicht und es viel mir alles andere als leicht. Wenigstens hatte ich nur eine äußerst begrenzte Auswahl an Kleidungsstücken zwischen denen ich mich entscheiden konnte. Das erleichterte die Morgenroutine.

Auch die Arbeit an sich ging mir leichter von der Hand als in Deutschland. Nicht weil es eine andere Materie war, oder weil es leichter wäre- im Gegenteil, es war genau das gleiche nur in einer anderen Sprache! Aber der entscheidende Unterschied war das Arbeitsklima! Ich hatte das Gefühl, in diesem Büro schien jeden Tag die Sonne. Selbst unter Stress nahm sich hier niemand zu ernst. Alle waren gut drauf, wenn was schief ging, dann war es eben so. Man merkte, dass hier jeder gerne zur Arbeit kam und seine Arbeit auch gerne machte. Es gab niemanden der danach schaute, wann du wie wo da warst, so lange du deine Aufgaben erfülltest. Sogar die Kleidung der Anwälte war auf einem ganz anderen Level als in Deutschland. Während zu Hause alle in langweiligen Kostümen und Anzügen zur Arbeit kommen, sind hier alle modisch etwas freier. Vor allem die Frauen, sie trugen genau die Art von Businesskleidung die ich mir vorstellte. Ich kam mir wirklich vor wie in meinem persönlichen Ponyparadies der Anwaltskanzleien.

Natürlich war das erst die erste Woche. Irgendwie konnte und kann ich mir gerade nicht vorstellen, dass sich die Stimmung hier noch ändern könnte. Wenn ich aus dem Fenster des Büros über die Stadt schaute wünschte ich mir noch mehr als früher, dass dies einmal mein Lebensmittelpunkt sein könnte. Eigentlich hatte ich irgendwie gehofft, dass meine Sehnsucht hier gestillt würde. Aber sie wurde bislang nur verstärkt. Andererseits war es auch erst die erste Woche. Da konnte sich noch einiges ändern.

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