Alte Liebe vergeht nicht.

Als ich am Samstag morgen zum ersten Mal in Barcelona aufwachte, musste ich mich erst einmal daran erinnern wo ich war. So tief hatte ich schon lange nicht mehr geschlafen. Es war halb 8 und ich überlegte sofort, was ich denn heute machen sollte. Wie wollte ich meinen ersten Tag hier gestalten. Meinen ersten Tag alleine mit meiner Traumstadt. Ich musste zum ersten Mal keine Kompromisse eingehen und unsere Beziehung endlich auf die nächste Ebene führen. Es fühlte sich an als wäre ich jahrelang mit ihr befreundet gewesen und sie im Stillen angehimmelt und nun könnte ich endlich die Beziehung mit ihr führen, die ich mir gewünscht hatte. Aber wie begann man so ein neugefundenes Glück? Sollte der erste Tag nicht was besonderes sein? Oder begnügte ich mich lediglich damit mich in den neuen Alltag einzufinden.

Ich überlegte hin und her, während ich mich noch etwas in meinem Bett streckte, meldete sich mein Magen zu Wort. Vielleicht sollte ich erst einmal etwas frühstücken, bevor ich mir über die weitere Planung Gedanken machte. Glücklicherweise stand meine Abendplanung schon. Alicia hatte mich zu sich nach Hause eingeladen, ihre Mitbewohnerin feierte ihren Geburtstag nach. Ich entschied, dass dies eigentlich als Highlight reichte. Man muss es schließlich langsam angehen lassen. Also suchte ich mir lediglich ein schönes Frühstückslokal aus und würde danach einkaufen gehen. Vor allem Nahrungsmittel für ein schnelles Frühstück und ein schnelles Abendessen.

Ich machte mich auf dem Weg zur Granja Viader. Einem der ältesten Cafés in Barcelona. Es besteht bereits seit über 125 Jahren und ist noch immer im Familienbesitz. Die Granja liegt in einer unscheinbaren und sehr schmalen Gasse unweit der Boqueria Sant Josep, wenn man nicht weiß, dass dort etwas ist läuft man schnell dran vorbei, was sich auch dadurch zeigt, dass ich scheinbar die einzige Touristin im ansonsten gut besuchten Lokal bin. Ich setzte mich nach hinten in eine Ecke, um den besten Blick über das Geschehen zu haben. Man fühlte sich wirklich etwas in eine andere Zeit versetzt. Das gelbe schummrige Licht schuf eine unglaublich gemütliche Atmosphäre. Und die dunklen Holzmöbel sahen so aus, als hätten sie auch schon immer hier gestanden. Genauso wie der Kellner der im schon etwas ausgefransten schwarzen Anzug und mit Fliege, fragte ob ich gerne die Karte hätte. Ich hatte zwar gehört, dass es sich hier besonders wegen der hausgemachten Churros con Chocolate und Ensaimadas lohnen würde, aber ich wollte dennoch sehen was es sonst noch gab. Außerdem machte mein Magen Andeutungen, dass ihm eine kleine Portion Churros mitnichten reichen würde. Da der Schinken an der Theke mehr als köstlich aussah, bestellte ich neben den Churros auch ein Bocadillo con jamón iberico. Das war eine weitere Besonderheit dieses Cafes, es war auch ein Feinkostladen. In der Auslage stapelten sich verschiedenste Sorten Schinken- und Käsesorten. Für mich ein Träumchen!

Während ich auf meine Bestellung wartete beobachtete ich die Leute im Café. Obwohl es zunächst sehr ruhig wirkte, stellte ich schnell fest, dass hier ein hektisches Treiben stattfand. Viele kamen gar nicht zum essen, sondern um frischen Käse und Schinken zu kaufen, daher kamen ständig neue Leute rein und gingen wieder. Die meisten waren bereits etwas älter und der Umgang der Inhaber mit den Gästen war familiär, man kannte sich wohl schon seit Jahren. Oft trafen sich Eltern mit ihren erwachsenen Kindern zum gemeinsamen Frühstück, als ob es Tradition wäre. Und obwohl ich alleine an meinem Tisch sitze fühlt es sich nicht so. Die Leute lächeln, grüßen. Als ob sie mich teilhaben lassen an ihren Familientreffen. Und dann kam mein Frühstück. Alles frisch. Super knusprige Churros und dunkle, dickflüssige Schokolade. Man kann sie fast mit den Churros löffeln. Als sie sich auf meine Zunge legt verteilt sie sich cremig in meinem Mund… ich bin im Himmel. Barcelona hat mich offiziell zum Frühstück geküsst. Diese Beziehung geht auf jeden Fall in die richtige Richtung und ich kann es kaum abwarten, was sie sonst noch bereit hält.

Nach dem romantischen Frühstück wird es Zeit für ein bisschen Alltag. Die Einkäufe müssen erledigt werden, ein Supermarkt ist schnell gefunden, aber da meine Tragetasche zu klein ist kaufe ich erst mal nur Lebensmittel und gehe danach noch einmal los, um meine Kosmetika etc. zu besorgen. Auch das ist schnell erledigt, aber als ich die Drogerie verließ bekam ich eine Nachricht von Alicia. Na, klasse. Die Party am Abend war eine Kostümparty?! Thema Mythologie. Und jetzt? Am besten einfach irgendwo Glitzer kaufen. Glitzer geht immer. Said, done. Noch ein paar Blumen für die Haare und mein Glitzerfee-Outfit steht. Dann noch eine Stärkung in einem kleinen Ökorestaurant, dass frisch gepresste Säfte und leckeren Salat anbietet (Bar Mendizabal). Es muss natürlich ein Platz am Fenster sein. Ich bestelle mir noch eine Tasse Tee, da fängt es draußen auf einmal an zu schütten! wie aus Eimern! Die Menschen fliehen von den Straßen und suchen Schutz unter Dächern und in Restaurants. Der kurze Wetterausbruch dauert genau 20 min und weicht dann wieder strahlendem Sonnenschein. Der Himmel verfärbt sich schon wieder orange. Ein bisschen Drama gehört halt dazu. Aber danach zeigt sich Barcelona wieder von ihrer schönsten Seite. Während ich durch die verwinkelten Gassen zurück in meine Wohnung laufe, werden Gebäude und Straßen mit leuchtend orangenen Farben bestrahlt. An jeder Ecke steht ein anderer Straßenmusiker, so als hätte es gar nicht geregnet. Nur das Wasser auf den Wegen verrät den plötzlichen Schauer. Die Pfützen des Regenschauers blenden genauso stark wie das Sonnenlicht selbst. Der Verlust des Augenlichts scheint der Preis für den Anblick der abendlichen Schönheit zu sein. Aber den zahle ich gerne.

Ich nehme die Metro um zu Alicia zu kommen, die Strecke von der Metrostation bis zu ihrer Wohnung macht mir klar, jap! komme was wolle heute Nacht nehme ich ein Taxi nach Hause. Diese Strecke laufe ich nicht alleine, zu viele Baustellen mit uneinsichtigen Nischen. Die schreien Quasi Vergewaltigung. Abgesehen ist das Viertel eigentlich sehr schön und wenn die Baustellen erst mal weg sind wird es bestimmt noch schöner. Das Gebäude hat Gott sei Dank einen Fahrstuhl! (Alicia wohnt im neunten Stock) Oben angekommen wartet sie schon in der Tür auf mich, als Medusa verkleidet, aber genauso wie ich sie kannte. Es ist erstaunlich wie wenig wir uns in all den Jahren verändert haben. Und auch unsere Freundschaft nicht. Es ist wieder genauso wie vor 13 Jahren als wir als Teenies nachts über Jungs gelästert haben und die ersten Male zusammen feiern waren. Aber trotzdem ist schon so viel Zeit vergangen und so viele Dinge sind ihr und mir passiert, was wir alles in Kurzfassung abhandeln müssen, denn der Plan für heute steht fest und der Wein ist schon kalt gestellt. Fast alle Gäste hier sind Künstler und gehen auf die gleiche Akademie. Und die Künstlergruppe überzeugt als tanzfreudige und feuchtfröhliche Gesellschaft. Um 4 Uhr morgens muss ich feststellen, dass mein Körper eigentlich schon seit einer Stunde hätte nach Hause gehen sollen. Ich bin unfassbar müde. Alicia Gott sei Dank auch. Wir verabschieden uns und ich nehme das nächste Taxi nach Hause.

Mein erster Tag mit meiner neuen alten Liebe hätte nicht besser enden können. Morgen würde ich es aber etwas ruhiger angehen lassen…

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